Das Teschenmoscheler Weinberggespenst

Temo Weinberg

Auf Wunsch von Charlotte Linn, hier nun für unsere Kinder im Dorf ein Teschenmoscheler Märchen. Oft habe ich es ihr erzählen müssen als sie klein war:
Vor langer, langer Zeit gab es in Teschenmoschel einen Weinberg. Er war an einem Hang gelegen und hier schien die Sonne besonders lange, damit die Weintrauben auch gut reifen konnten.
Der Weinberg hatte zwei alte Sandsteinmauern, damit der Hang nicht ganz so steil war und ein kleines Wingerthäuschen. Hier fanden die Bauern Schutz vor Regen, Blitz und Donner. Ganz Teschenmoschel hatte damals mitgeholfen die Steine zu brechen und das Häuschen zu bauen. Nur merkte keiner, dass mit den Steinen für das Häuschen auch ein Gespenst aus dem Steinbruch mit einzog. Manche behaupten das Gespenst hätte es nie gegeben, aber andere sind sich da ganz sicher.
Fortan lebte das Steinbruchgespenst nun im Weinberg. Gut, dachte es sich, hier ist es gemütlich. Ich habe ein Dach über den Kopf und ab jetzt bin ich eben ein Weinberggespenst. Hier ist es sowieso schöner als in dem alten Steinbruch.
Gespenst 001bbDas Gespenst hatte eine wunderschöne, riesige Muschelkette. Damals gab es in der Moschel noch Muscheln und daraus hatte es sich diese Kette gebastelt. Es war sehr stolz auf seinen Halsschmuck und freute sich immer, wenn die Muscheln aneinander stießen und leise klapperten.
Abends, wenn es zu dämmern anfing und die Bauern, nach der Arbeit zu Hause waren, strich das Weinberggespenst mit seinem weißem Gewand und der herrlichen Muschelkette durch den Weinberg. Es naschte mal hier an den Trauben, zupfte sich Blätter und band sie zu einer kleinen Krone. Tanzte und hüpfte durch die Reihen und das leise klimpern der Muschelkette war zu hören. Das Gespenst fühlte sich rundum wohl und weil ihm der Platz so gut gefiel, passte es auch auf, dass keine Rehe an den Beeren naschten und keine Wildschweine ihr Unwesen trieben.
Den Tag verschlief es im Weinberghäuschen. Dann legte es seine Muschelkette ab und versteckte sie in der hintersten Ecke. Die Kette war ja sichtbar und wenn die Bauern im Weinberghäuschen ihre Mittagspause machten, konnten sie das Gespenst ohne die Kette natürlich nicht sehen. Zu dieser Tageszeit hatte es sowieso keine Lust zu spuken und lies die Bauern in Ruhe.
Doch wie es sich für ein Gespenst gehört, wollte es auch immer mal wieder spuken und so trieb es mit den Bauern seine Streiche. Wenn die Arbeit im Weinberg etwas länger dauerte und es schon spät abends war, gab es kein halten mehr für das Weinberggespenst. Es zog seine Muschelkette an und schlich sich zu den Bauern die noch im Weinberg arbeiteten. Da musste es schon aufpassen, weil man ja die Kette sah. So schwebte es lautlos zu den Bauern, klimperte leise mit der Kette und konnte sich vor Lachen, kaum seinen dicken Gespensterbauch halten, wenn der Bauer erschrocken herumfuhr. Da war es natürlich schon längst wieder hinter dem nächsten Weinstock verschwunden. Ein anderes Mal, zupfte es den Bauern am Ohr oder pustete ihnen in den Nacken und fand es köstlich, wenn der Bauer dachte es wäre eine Fliege und danach schlug.
Im Winter, wenn es für die Bauern nichts im Weinberg zu tun gab, langweilte sich unser Gespenst meist sehr und dann schwebte es hinunter ins Dorf. Es schaute durch die erleuchteten Fenster, lies manchmal die alte Schulglocke läuten oder strich durch den Schornstein ins Bürgerhaus. Nippte mal an einer Apfelschorle oder probierte den Wein von seinem Weinberg der hier zum Ausschank bereitstand.
Manchmal, wenn es im Bürgerhaus zu viel Wein probiert hatte, wurde es sehr übermütig und dann schwebte es in der Nacht zu den Schlafzimmerfenstern der Kinder im Ort, kratze leise an die Scheiben und wenn das Kind aufwachte und zum Fenster schaute, baute es sich ganz groß auf, lies ein schauriges Geheul hören und rasselte so laut es ging mit seiner Muschelkette. Die Kinder zogen voller Angst ihre Bettdecken über den Kopf, doch wenn sie sich wieder hervor trauten, war kein Gespenst mehr zu sehen.
GespenstIm Ort gab es einen, kleinen Jungen. Dieser Junge ärgerte sich sehr, daß das Gespenst auch ihn öfter erschreckte und so fasste er einen Plan.
Er trommelte alle Kinder zusammen und sie beschlossen dem Weinbergsgespenst einen Denkzettel zu verpassen.
Voller Eifer liefen die Kinder zum Weinberg und fingen an zu suchen. Das war nicht einfach, da Gespenster ja unsichtbar sind und so liefen sie durch die Reihen, schauten hinter jeden Rebstock, doch kein Gespenst war zu finden.
Derweil verschlief unser Gespenst mal wieder den Tag im Weinberghäuschen. Die Muschelkette hatte es natürlich in der hintersten Ecke versteckt und schlief tief und fest und träumte von schaurigen Spuckgeschichten.
Die Sonne brannte an diesem Tag ganz fürchterlich und so beschlossen die Kinder eine Verschnaufpause im Weinberghäuschen zu machen. Dort beratschlagten sie wie man nun dieses Gespenst finden sollte, wenn es denn unsichtbar war. Sie überlegten lange, aber kamen zu keinem Ergebnis. Was unsichtbar ist kann man nicht fangen und so wanderten sie im Häuschen auf und ab.
Plötzlich sah ein Kind in der hinteren Ecke etwas Weißes schimmern.
„Hat uns das Gespenst nicht immer in der Nacht mit einer rasselnden Muschelkette erschreckt? Lasst uns mal in der Ecke nachschauen, vielleicht liegt sie ja dort.“
Schritt für Schritt und etwas ängstlich, schlichen sie in die dunkle Ecke. Keiner traute sich nachzuschauen was da lag. Immerhin, hatten sie es ja mit einem Gespenst zu tun. Da fasste der Junge seinen ganzen Mut zusammen und griff danach. Erschrocken wichen alle Kinder zurück, als er triumphierend eine riesige Muschelkette hochhielt. „Wenn wir schon nicht das Gespenst fangen können“, sagte er „dann haben wir wenigstens seine Muschelkette!“ Der erste Schreck war verflogen und so wollten alle Kinder mal die wunderschöne Muschelkette haben. Sie liefen aufgeregt aus dem Weinberghäuschen und jedes Kind zog und zerrte an der Kette. Schließlich zerriss sie und alle Muscheln verstreuten sich über den Weinberg und zerbrachen in tausend Stücke.
Unser Gespenst bekam von all dem nichts mit. Es schlief weiter tief und fest und träumte von einem super Muschelkettenspuk, welches es in einer Winternacht unten im Dorf machen wollte.
Der Abend kam und die Kinder waren schon längst wieder zu Hause. Da erwachte das Weinberggespenst. Räkelte sich, gähnte noch mal gespenstisch und fingerte nach seiner Muschelkette. Doch oh Schreck, es konnte sie nicht finden. Aufgeregt schwebte es hin und her. Durchsuchte jede Ecke und fand sie nicht. „Ach ich armes Weinbergsgespenst“ jammerte es, „wie soll ich denn spuken ohne meine Kette!“ Und so schwebte es verzweifelt durch den Weinberg und fand die zerbrochenen Muscheln. Es zeterte und heulte: „Meine schöne Gespensterkette, meine schönen Muscheln!“. Es schwebte traurig ins Dorf und strich durch den Schornstein ins Gemeindehaus. Dort saßen alle zusammen und lauschten den Erzählungen der Kinder. Wie sie die Kette gefunden hatten und wie sie in tausend Stücke zerbrach. Heulend schwebte das Gespenst zurück zum Weinberg.
Unbenannt 222Mit einem Mal kam ein riesiger Sturm auf. Es donnerte, blitzte und krachte über Teschenmoschel. Die Weinstöcke bogen sich bis die dünnen Stämme brachen. Die dicken Weintrauben flogen durch die Luft und zerplatzen. Alle Blätter wirbelten durch den Sturm und vermischten sich mit den matschigen Trauben. Und über all diesem Getöse hörte man ein schaurig, heulendes Klagen: „All die vielen Jahre habe ich auf euren Weinberg aufgepasst! Meine Spuks waren doch nur lustige Streiche und nun nehmt ihr mir meine Muschelkette!“ heulte das Gespenst „Nie wieder werdet ihr so herrliche Trauben ernten können, verflucht sei der Weinberg und euer Häuschen!“. Nochmal war ein heftiges Heulen zu hören, was immer mehr in ein leises Wimmern überging und so plötzlich wie das Unwetter gekommen war, so plötzlich war es wieder weg und eine unheimliche Stille lag über Teschenmoschel.
Am nächsten Morgen sahen die Teschenmoscheler das ganze Ausmaß der Verwüstung.
Nicht eine Weinpflanze war übrig geblieben. Der ganze Berg war mit einer matschigen Blätterschicht übersät und das Weinberghäuschen lag in Schutt und Asche.
Niemand hat seitdem versucht an diesem Weinberg wieder Wein anzubauen. Niemand hat seitdem mehr von einem Weinberggespenst geredet und niemand hat seitdem das Klappern einer Muschelkette gehört.
Doch in manchen lauen Sommernächten erklingt ganz leise, aus der Ferne, ein klägliches Heulen und wenn man genau hinhört, meint man das leise Klimpern von Muscheln zu hören.
Manche Teschenmoscheler meinen, das Weinbergsgespenst hätte es nie gegeben, aber andere sind sich das ganz sicher.

3 Gedanken zu „Das Teschenmoscheler Weinberggespenst“

    1. Hi Steffen … falls du das in diesem Leben noch lesen solltest – die einzige Spur die ich im Netz bisher jemals gefunden habe – der Nachname ist ja nun nicht gerade häufig vertreten in der BRD, ich denke also es gäbe da eine gewisse Wahrscheinlichkeit, – kann es sein daß wir uns mal in DA Griesheim bei einem US Großhandel kennengelernt haben? Dann würde ich mich freuen wenn ein Kontakt zustandekäme: 0172-5330013

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

wp-puzzle.com logo