Vom Trottwa bis zu Mitt -Glosse-

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„Warum kehren die hier alle die Gasse“, frage ich meinen Mann. „Haben die nichts Besseres am Samstagvormittag zu tun“. „Das ist bei uns so üblich“, kam die Antwort. „Samstag wird die Gass gekehrt. Dabei kann man ein Schwätzchen mit dem Nachbar halten“. Wieso, ich habe Telefon und Whats App und überhaupt habe ich nie etwas davon gehört. Außerdem haben wir gar keinen Bürgersteig. „Soll ich jetzt etwa die Strasse fegen ?“. „Aber sicher, exakt bis zur Mitte muss sie blitzblank sein und zwar immer Samstags“. So richtig leuchtet es mir nicht ein und so beschließe ich meine kehrende Nachbarschaft erst mal zu ignorieren. Überhaupt finde ich, daß die Gass doch noch ganz passabel aussieht. Nun gut, vorm Gully liegt etwas Unrat, den der Regen dort hingeschwemmt hat. Doch fühle ich mich nicht dafür verantwortlich. Genauso wenig für das Unkraut was im Rinnstein wächst. So lasse ich meine Nachbarschaft ihrer samstäglichen Beschäftigung nachgehen, grüße freundlich und fahre erstmal zum Einkaufen.
Wieder zurück, fällt die Gasse bei unserem Grundstück mit dem Löwenzahn schon etwas auf. Doch ich fahre ja sowieso die Einfahrt hoch und zu Fuß geht hier ja kaum wer und überhaupt, wo ich herkomme haben das immer die Straßenmeistereien gemacht. Die bekommen schließlich Geld dafür.
Abends sagt mein Mann zu mir: „Kannst du bitte morgen die Gass kehren !“. Ja, ist der denn jetzt auch total verrückt geworden. Wie wenn ich nix anderes zu tun hätte als die Strasse zu fegen. Irgendwie komme ich mir genötigt vor und beschließe erstmal im Netz zu schauen. Was gibt es denn da für Informationen über das Gass kehren. Da steht, im Dorf ist das üblich. Da kommt keine Straßenmeisterei und früher haben die Burschen vor den Häusern der heiratsfähigen Mädchen extra Dreck verteilt, damit sie Samstags anbandeln konnten. Das heiratsfähige Alter habe ich hinter mir und in unserer Zeit gibt es schließlich Dating-Portale im Netz zum anbaggern. Dazu braucht man keine Gass kehren.
Als mich dann auch noch unser Bürgermeister in seiner netten Art bittet, doch mal die Gass zu kehren, bewaffne ich mich murrend mit Schaufel und Besen und fege notgedrungen die Strasse und bin froh, dass keiner unterwegs ist. Nachher denkt noch wer ich will angebaggert werden. Mit einem Reim im Kopf ist dann auch diese ungeliebte Arbeit bis zur nächsten Aufforderung erledigt:

Am Samsdaach werd die Gass gekehrt,
des is bei uns so Sitt.
Am Samsdaach werd die Gass gekehrt,
vum Trottwa bis zur Mitt.
Mer schiebt soin Bese hie un her,
kehrt Blätter, Kippe, Dreck,
des is doch werklisch net so schwer
un ball is alles weg.
Die Gass leit widder sauwer do
un des is wunderbar.
Mer is zufriede un is froh,
de Borjemäschder aa.
Doch gebt’s bei uns, wie iwwerall,
aach Leit, des is kään Spaß,
die kimmern sich um jeden Dreck,
bloß net um ehre Gass!
von Rolf Büssecker, Beindersheim

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